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| Publikationen und Berichte Prof. Wolfgang Haber: Kulturlandschaft zwischen Bild und Wirklichkeit |
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| Wolfgang Haber Kulturlandschaft zwischen Bild und Wirklichkeit Das Nationale Forschungsprogramm 48 ist Ausdruck einer in den letzten 10-12 Jahren weltweit erstaunlich gewachsenen wissenschaftlichen Zuwendung zur Landschafts- und Lebensraum-Thematik. Diese ist als solche gar nicht neu, aber aktuell stark durch die Besorgnis um Qualitäts- und Wertverlust der Landschaft als Ausdruck von Umwelt und gewiss auch durch die Vision der "nachhaltigen Entwicklung" motiviert. Mit den Begriffen Landschaft und Lebensraum fühlt sich im übrigen fast jeder Mensch angesprochen. Doch die damit verbundenen individuellen und subjektiven Vorstellungen weichen beträchtlich voneinander ab, wie ich vor allem anhand des Begriffs Landschaft diskutieren möchte. Was bedeutet denn "Landschaft"? woran erkennt man sie, wie grenzt man sie ab, wo fängt sie an und endet sie? Wie weit ist sie nur ein Bild an der Wand oder in den Köpfen, ja eine Ein-Bildung oder ist sie etwas, das in unserer Umwelt tatsächlich existiert? Das Wort "Landschaft" kann bis ins 10. Jahrhundert zurück verfolgt werden und ist im Lauf der Geschichte mit verschiedenen Bedeutungen und auch Erwartungen belegt worden deren letzte wohl die der "Nachhaltigkeit" ist , und die bis heute, und zwar mit wechselnden Gewichtungen, mit ihm verknüpft werden. Daher wird auch immer wieder gefragt, ob "Landschaft" überhaupt ein wissenschaftlicher Gegenstand oder nur eine Metapher ist (vgl. Hard 1985; Trepl 1995). Ursprünglich war "Landschaft" eine bloße Raumbezeichnung, analog zu "Region" (Müller 1977; Haber 2001). Die Nachsilbe "-schaft" bezeichnet stets etwas Zusammengehöriges (wie in Wissen-schaft, Gewerk-schaft, Tal-schaft u.ä.), Land"schaft" also "Land mit gemeinsamen Eigenschaften". "schaft" ist aber etymologisch auch mit schaffen, schaben und dem englischen shape verwandt, so dass Landschaft auch als Ergebnis von Schaffen und Gestalten von Land gedeutet werden kann. Davon abgesehen ist "Land" auch der Gegensatz zu "Stadt", aus der man in das Land hinausblickt oder -geht und darin "Landschaft" entdecken kann. Bewusst taten dies zuerst Maler, die bereits in der Antike (Steingräber 1985) und erneut etwa ab 1450 dazu übergingen, ihre Motive in oder vor einen Ausschnitt dieser Landschaft zu setzen und diesen dann sogar selbst zum Motiv zu wählen. So wurde "Landschaft" ein Fachbegriff der Malerei für ein bestimmtes Bildobjekt, für ein "malerisches", "pittoreskes" Stück Land. Es war damit zwar immer noch eine Raumbeschreibung, aber aus dem eher abstrakten "Raum" war nun eine von einem Blickpunkt aus gesehene, erlebte und als Wert erkannte "Gestalt" eigenen Charakters geworden. Zugleich ist darin aber auch bis heute die Dichotomie von Stadt und Land verkörpert geblieben, die allerdings nur noch das Erscheinungsbild des Raumes, nicht mehr den Lebensstil der Menschen betrifft. Die Maler bemühten sich um eine "naturalistische" Wiedergabe der Landschaft und empfanden, was außerhalb der gebauten Stadt lag, wohl wirklich auch als "Natur". Wie die Gemälde belegen, handelte es sich aber um bäuerlich bewirtschaftetes Land mit Feldern, Wiesen, Obsthainen, Hecken, Waldstücken und Gewässern in einer für Mittel- und Westeuropa typischen Anordnung. Auch biblische Motive aus dem Morgenland wurden von den Malern in eine solche "Kulisse" versetzt: so etwa der "Wunderbare Fischzug" nach Johannes 21, 3-11 und Lukas 5, 1-10 (Konrad Witz, um 1444, Abb. 1) in die Landschaft des Genfer Sees. Es gibt Landschaftsdarstellungen von dokumentarischer Qualität, wie Dürers "Drahtziehmühle an der Pegnitz" (um 1500, Abb. 2) und Idealisierungen, die verschiedene Landschaftselemente wie Berge, Felsen und Gewässer zu einer Komposition vereinigen, die "echt" wirkt, aber keiner wirklichen Landschaftssituation entspricht: so die "Landschaft mit dem heiligen Hieronymus" von Joachim Patinir (1515, Abb. 3). Gerade solche Bilder wurden als ästhetisch und harmonisch empfunden, und damit prägte sich "Landschaft" den gebildeten städtischen Betrachtern und Genießern der Kunstwerke als "ästhetische Natur" ein. Offenbar rührt daher auch die im deutschsprachigen Raum (sowie in den Niederlanden) gebräuchliche und sogar in Gesetzestexte aufgenommene Begriffspaarung "Natur und Landschaft". Der Malerei ist zu verdanken, dass es einerseits Betrachter, andererseits "Hervorbringer" von Landschaft gibt die letztgenannten aber zweifach: zum einen die Maler selbst, zum anderen die Landnutzer oder -bewirtschafter, die ja die Wirklichkeit der Landschaft durch Kultivieren der wilden Natur in beständiger Arbeit schufen und erhalten. Ihnen aber blieb der Begriff Landschaft bis in die jüngste Zeit hinein unbekannt und unzugänglich. Es war ihr Land, das sie besaßen, bestellten und bewirtschafteten, von dem sie lebten es war auch ihre Welt, die in sich selbst ruhte, unabhängig von der Sicht Außenstehender. Diese Überlegungen gaben Anlass, in der Erläuterung des NFP 48-Themas Landschaften und Lebensräume als erlebte und gelebte Umwelt zu kennzeichnen. Wer "Land" als "Landschaft" sieht, verfügt über den "landschaftlichen Blick", wie ihn Wilhelm Heinrich Riehl (1862), einer der Begründer der Sozialwissenschaften, nannte, und dessen Bewusstwerdung Francesco Petrarca anlässlich der Besteigung des 1910 m hohen Mt. Ventoux in der Provence 1336 zugeschrieben wird (Piepmeier 1980; Steingräber 1985). Sehr treffend hat der Philosoph Georg Simmel dieses Phänomen beschrieben als den "eigentümlichen geistigen Prozess, der aus der freien Natur, den Bäumen und Gewässern, Wiesen und Getreidefeldern, Hügeln und Häusern und allen tausendfältigen Wechseln des Lichtes und Gewölk" erst Landschaft erzeugt (zit. nach Krysmanski 1970). Das Aufgehen der vielen Einzelbestandteile im "Gesamtbild Landschaft" gilt auch für die unterschiedlichen Eigentums- und Besitzverhältnisse, so dass sich die Auffassung der Landschaft als Kollektivgut oder Allmende etablierte. Zur objektiven Außenwelt kommt also die innere Welt des Betrachters konstitutiv hinzu (Piepmeier 1980), und in dieser Innenwelt existieren offenbar, als Vorwissen oder gar als Archetypen, "Landschaften" als Bestandteile der Lebenswelt. Von der genussvollen Betrachtung der Bilder führt nur noch ein kleiner Schritt zu der Erwartung, die darin dargestellte Landschaft auch in der ländlichen Wirklichkeit zu finden und zu genießen. Dieser Wunsch ging seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Erfüllung, als die Landschaft sozusagen aus den Gemälden hinaus geholt und real erlebbar gemacht wurde, nämlich in Gestalt des englischen Landschaftsgartens oder -parks (Hoffmann 1963; Maier-Solgk u. Greuter 1997). Sein Vorbild liegt wiederum in der Landnutzung, nämlich der verbreiteten Schafweide-Nutzung des frühkolonialen England, die eine waldarme, aber baum-, gebüsch- und heckenreiche Weidelandschaft von parkartigem Charakter hervorgebracht hatte. Diese wurde damals für naturhaft und zugleich für ästhetisch wertvoll gehalten und dadurch zum Modell für eine verschönernde Gestaltung zahlreicher Landsitze und güter, zur "ornamental farm" erhoben (Abb. 4 und Abb. 5). Bis heute haben die Kompositionsgrundsätze dieser Parkanlagen mit Rasen, Busch- und Baumgruppen einen bestimmenden Einfluss auf die Garten- und Landschaftsgestaltung behalten. Doch auch die Landschaftsparke waren in erster Linie als Bilder konzipiert, wie sich an den stets darin angelegten Aussichtsplätzen oder -türmen sowie den darauf bezogenen "Blick-" oder "Sichtachsen" zeigt. Hier liegt auch eine wichtige Wurzel des touristischen Landschafts- und Naturerlebens. Es ist eine bemerkenswerte Wechselwirkung: Landbewirtschafter, also Bauern, bringen durch Nutzung eine Landgestalt hervor, die mußevolle, von Nutzungsaspekten unbeeinflusste Betrachter zu künstlerischer Wiedergabe inspiriert und diese wirkt als sehnsuchtsträchtiges Vorbild auf die Landgestaltung zurück. Unter diesem Einfluss der Landschaftsparke entwickelten gebildete Landbetrachter im Geist der Aufklärung zu Anfang des 19. Jahrhunderts Konzepte der "Landesverschönerung", die das gesamte Land einschließlich der bis dahin ausgeklammerten Städte nach diesem Vorbild gestalten wollten, und zwar nicht nur nach ästhetischen, sondern auch sozialen und ökonomischen, also durchaus rationellen Prinzipien (Däumel 1963). Aus heutiger Sicht enthalten diese Konzepte sogar schon die wesentlichen Kriterien einer "nachhaltigen Entwicklung". Damals fanden sie da ihrer Zeit zu weit voraus und auch romantisch, also anti-aufklärerisch verfremdet kein Gehör, und in der Landnutzung setzte sich allein das Rationalisierungsprinzip durch, in dessen von gestalterischen Zielen kaum beeinflusstem Utilitarismus die Landschaft als ästhetische Kategorie verloren gehen sollte (Piepmeier 1980). Zu Anfang des 19. Jahrhunderts fand "Landschaft" durch Alexander von Humboldt auch Eingang in die Naturwissenschaften, und zwar als Fachbegriff der aufkommenden wissenschaftlichen Erdbeschreibung, der Geographie. Dabei wurde der Begriff aber durchaus im Geiste der Zeit aufgefasst, in der Bezeichnungen wie Physiognomik, (Total-)Eindruck, Erdgegend und eben Landschaft einen ästhetischen Sinngehalt hatten und mit dem physiognomisch-perspektivischen Landschaftsbegriff der Malerei weitgehend übereinstimmten. Der im Geiste der Aufklärung erzogene Naturwissenschaftler Humboldt ließ stets ästhetische Aspekte in der Naturbeschreibung gelten und erinnert noch in seinem Spätwerk "Kosmos" "an den alten Bund des Naturwissens mit der Poesie und dem Kunstgefühl" (zit. nach Beck 1978, S. 263). Es entstand damals sogar eine eigene "Ästhetische Geographie", die weitgehend mit einer Landschaftskunde identisch war und in dieser verborgen auch bis heute fortlebt. Mit dem Aufschwung der Naturwissenschaften entwickelte sich dann aber eine kausalanalytische Landschaftsforschung, die sich bewusst von der ganzheitlich-ästhetischen Landschaftsauffassung löste. Der späte Humboldt stand im Zwiespalt zwischen beiden Richtungen: "Was ich physische Weltbeschreibung nenne, ... macht keine Ansprüche auf den Rang einer rationellen Wissenschaft der Natur; es ist die denkende Betrachtung der durch Empirie gegebenen Erscheinungen als eines Naturganzen." Doch hält er daran fest, dass die Landschaft in ihrer ästhetischen Bedeutung "Anregungsmittel ... zum wissenschaftlichen Naturstudium" und darin gleichrangig mit der "unmittelbar objektiven Betrachtung charakteristischer Naturformen" ist (aus "Kosmos" zit. nach Beck 1978). Diese Gleichrangigkeit ist in der weiteren Entwicklung der geographischen Landschaftsforschung, die seit Carl Troll (1939) mit der ökologischen Forschung zur Landschaftsökologie vereinigt wurde, verloren gegangen, und auch die nicht-naturwissenschaftlichen Zweige der Geographie haben sie wenig beachtet (Ehlers 2000). Als "Natur der Naturwissenschaften erkannten die Forscher eine abstrakte Natur, die nur mittels intellektueller Anstrengung erschließbar ist, nämlich über Gesetzmäßigkeiten, die man lernen und wissen muss. Naturwissenschaften sind Naturgesetz-Wissenschaften und lehren, was immer und überall gilt. Dafür wird die Landschaft, heute mit Hilfe von Computerprogrammen, zerlegt und analysiert. Die "Natur der Landschaft", die im "landschaftlichen Blick" in den Köpfen entsteht und eine jeweils besondere, sichtbare Gestalt ist, darin auch ein geschichtlich und kulturell bestimmtes Ereignis darstellt, bleibt der "naturwissenschaftlichen Natur" fremd und unzugänglich, da sie nur als Ganzheit erfassbar ist (Trepl 1997; Tress u. Tress 2001). Aber nur sie erfüllt den Wunsch nach einem kontemplativen, auch ästhetisch motivierten, ganzheitlichen Naturerlebnis und ist Ausdruck des kontemplativen Naturbegriffs als einer der drei von Hirsch Hadorn (2000) eingeführten Naturkennzeichnungen. Der in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Basel lehrende Zoologe Adolf Portmann (1956, zit. nach Rudolf 1998) hat die unterschiedlichen Ansätze zur Erforschung der Natur mit einer Theateraufführung verglichen. Diese kann man hinter der Bühne betrachten, z.B. wie die Schauspieler sich vorbereiten und aufstellen, wie Kulissen geschoben, Geräusche gemacht und Lichteffekte erzielt werden. Aber das Erlebnis und die Erfahrung des Theaterstücks in seinem Zusammenhang wird nur dem Betrachter zuteil, der im Zuschauerraum sitzt, und je weniger er von der Apparatur hinter der Bühne weiß, desto stärker wird er vom Ablauf und Inhalt des Stücks beeindruckt. Auf die Wissenschaft übertragen heißt dies sehr vereinfacht: Kulturwissenschaftler erforschen die Wahrnehmung vor der Bühne, Naturwissenschaftler das Geschehen hinter ihr. Wir stehen heute also vor zwei grundsätzlich verschiedenen Grundauffassungen über "Landschaft". Die eine sieht "Landschaft" als wissenschaftlichen Gegenstand der Landschaftsökologie im Sinne ihres Schöpfers Carl Troll (1939). Landschaft ist hier ein Komplex, Gefüge oder "Mosaik" von Ökosystemen oder Ökotopen und damit nur ein Glied in den Organisationsstufen der Materie vom Atom über Molekül, Zelle, Organismus bis zum Planeten Erde, ja zum Universum (Abb. 6); sie wird überwiegend funktional betrachtet. Die andere Auffassung von "Landschaft" ist die lebensweltliche, die kulturell geprägte "Wunsch- und Alltagslandschaft" interessierter Betrachter, die allerdings, und das gilt auch für die "Wahrnehmung vor der Bühne", in mehrere verschiedene Betrachtungsebenen oder Begriffsverwendungen zerfällt (Meier 2001; Winiwarter 2001):
Die so angesprochene Zweiteilung in der Grundauffassung von "Landschaft" spiegelt den Gegensatz zwischen naturwissenschaftlicher Eindeutigkeit und humanwissenschaftlicher Vieldeutigkeit wider. Sie ist ein Dilemma jeder integrativen Wissenschaftlichkeit, die versucht, Sachwelten und Sinnwelten zusammenzuführen (Groh u. Groh 1991 zit. aus Ehlers 2000). |
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